Ob Smartphone, Tablet, Fahrkartenautomat oder digitale Speisekarte: Technik gehört für die meisten Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag. Wir tippen, wischen, klicken und bekommen unmittelbar eine Reaktion. Für Menschen mit Behinderungen ist dieser Zugang zu digitalen Angeboten jedoch nicht immer selbstverständlich.
Im Intensiv Ambulanten Wohnen (IAW) Ochtrup möchten wir deshalb neue Wege ausprobieren. Im Rahmen des Verbundvorhabens „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“ konnte mit Unterstützung der Sozialstiftung NRW ein Aktivtisch angeschafft werden. Er soll unseren Nutzer*innen einen individuellen und möglichst niedrigschwelligen Zugang zu digitaler Technik ermöglichen.
Der Aktivtisch ist ein großer, interaktiver Bildschirm, der wie ein Tisch genutzt und mit den Händen bedient werden kann. Die Software bietet zahlreiche Anwendungen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Dazu gehören unter anderem Puzzle, Malen, Musik, Quizze, Geräusche und verschiedene Spiele. Auch eigene Fotos, Videos und andere Inhalte können eingebunden werden. Über individuelle Profile lässt sich festlegen, welche Anwendungen für eine bestimmte Person sichtbar und geeignet sind.
Erst einmal herausfinden: Was passiert, wenn ich den Bildschirm berühre?
Für einige unserer Bewohner*innen geht es zunächst gar nicht darum, ein Spiel zu verstehen oder eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Der erste Schritt ist viel grundlegender: die Erfahrung, dass die eigene Handlung eine Reaktion auslöst.
Dafür eignen sich besonders einfache Anwendungen. Bei einer davon entsteht beispielsweise dort ein Regenbogen, wo mit der Hand über den Bildschirm gewischt wird. Es braucht keine Spielregeln und kein Vorwissen. Eine Berührung genügt und auf dem Bildschirm passiert etwas.
Auf diese Weise kann nach und nach ein Verständnis für die Funktionsweise entstehen: „Ich berühre etwas und etwas passiert.“
Andere Bewohner*innen können direkt mit Anwendungen wie Puzzle oder Malprogrammen beginnen. Markus beispielsweise puzzelt besonders gerne und hat die Bedienung des Aktivtisches schnell für sich entdeckt.
Individuelle Möglichkeiten für den Alltag
Der Aktivtisch soll künftig nicht nur für Beschäftigung und Freizeit genutzt werden. Ein wichtiger Bereich ist die Unterstützung bei der Tagesstruktur.
Informationen, die für viele Menschen selbstverständlich sind, können dort künftig visuell dargestellt werden. Dazu gehören beispielsweise der Tagesplan, das Essensangebot oder die Information, welche Mitarbeitenden an diesem Tag im Dienst sind.
Auch eigene Bereiche für einzelne Nutzer*innen sind möglich. Inhalte können dadurch an persönliche Interessen, Fähigkeiten und Bedürfnisse angepasst werden. So kann der Aktivtisch für einen Menschen vor allem ein Beschäftigungsangebot sein, während er für eine andere Person beispielsweise zur Orientierung im Tagesablauf beiträgt.
Der Aktivtisch bietet außerdem Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten. Mehrere Personen können Anwendungen zusammen nutzen, Musik machen oder Spiele ausprobieren. Auch Videotelefonie und die Nutzung eigener Fotos und Videos sind möglich. Der Tisch ist höhenverstellbar und kann sowohl im Sitzen als auch im Stehen genutzt werden.
Assistive Technik als zusätzliche Unterstützung
Der Aktivtisch ist Teil des VvAT Projekts. Im wissenschaftlich begleiteten Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“ erproben zehn Einrichtungen an verschiedenen Standorten in Nordrhein-Westfalen unterschiedliche technische Lösungen. Im Mittelpunkt stehen drei Fragen: Kann Technik die Teilhabe verbessern? Kann sie Mitarbeitende unterstützen? Und können dadurch auch Abläufe sinnvoller und effizienter gestaltet werden?
Für das IAW Ochtrup bedeutet das vor allem, gemeinsam mit den Bewohner*innen herauszufinden, was für sie funktioniert. Nicht jede technische Möglichkeit ist für jeden Menschen gleichermaßen geeignet. Deshalb steht die individuelle Nutzung im Mittelpunkt.
Der Aktivtisch soll dabei keine persönliche Begleitung ersetzen. Er bietet vielmehr eine zusätzliche Möglichkeit, Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen zu erreichen und ihnen einen eigenen Zugang zu digitalen Angeboten zu eröffnen.
Gefördert wird das Verbundvorhaben durch die Sozialstiftung NRW.